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4.5 Jahre Homeoffice – Willkommen in meiner Welt [Gastbeitrag]

Programmierer-Nerd – wir möchten unsere Mitarbeiter lieber vor Ort.

Homeoffice zu haben war vor Corona auch für Programmierer ein hohes Privileg. Immer wieder hatte man mit schweren Vorurteilen zu kämpfen,weil sich vor allem ältere Führungskräfte nicht vorstellen konnten, dass man zu Hause konzentriert und gut arbeiten kann. Es gab eine gewisse und aufkommende Tendenz dazu, mal einen Tag konzentriert Dinge als Entwickler tun zu dürfen. Bei denen ist ja bekanntlich schon immer egal, wo die sind. Leider wurden die Erwartungen an die Ergebnisse von diesem Tag gegenüber einem Bürotag stark erhöht. Aber es wurde auch immer ein Grund der sozialen Gerechtigkeit vorgeschoben. Deshalb musste man sich diesen Tag dann hart verdienen. Arbeitgeber müssten dieses Privileg sonst auch allen anderen Arbeitnehmer*innen zur Verfügung stellen.Und weil Leute aus der Produktion oder am Empfang keine Möglichkeit haben, von zu Hause aus zu arbeiten, wurde an auch die Solidarität appelliert.Glücklicherweise hat sich dann bei einer Agentur aus meiner Laufbahn am Empfang eine Art Schichtsystem ergeben. Erst das brachte den Durchbruch. Wohlgemerkt in einer Internetagentur ohne Produktion von Waren. Unvorstellbar aus heutiger Sicht. Haben sie doch alle am ersten Tag des Lockdowns 2020 mit Stolz gezeigt, dass sie bereits voll digital auf die Anforderungen eines Home-Office ausgerichtet sind. Echte agile und digitale Helden.Aber ein Team funktioniert schon besser vor Ort. An der Kaffeemaschine, beim gemeinsamen Kochen,Grillen oder einem schönen Bier am Abend.

Mannschaft oder Einzelkämpfer – zwei Typen und der innere Schweinehund

Ein Leben lang spiele ich Wasserball. In einer Mannschaft.Da schwimme ich weiter und gebe in jedem Trainingsspiel einfach alles. Das Herz pumpt total und dann noch 15 Minuten weiter. Alleine bekomme ich mich gefühlt gerade mal aus dem Ruhepuls raus. Auch wenn ich jogge, könnte ich nie die Leistung abrufen, die ich beim Fussball in der Halle ab der ersten Minute geben würde. Einmal sagte ein Programmierer zu mir, er hätte um 13 Uhr dann schon die Waschmaschine fertig und die Küche aufgeräumt. In Anspielung darauf,dass man sich zu Hause ja hervorragend vor der eigentlichen Arbeit drücken könnte. Echt,mit Hausarbeit, darauf würde ich ja nie kommen. Pina Colada und Grillen? Okay!, Aber Hausarbeit? Was ich damit sagen will. Vollzeit in einem Home Office ist eine sehr spezielleTypfrage. Viele brauchen ein Arbeitsumfeld und auch einfach die Nähe zu Kollegen. Das ist nicht zu unterschätzen. Ich bin sehr gespannt, wie sich das Thema “Home Office” tatsächlich nach der Pandemie weiterentwickelt. An Spekulationen möchte ich mir hier nicht beteiligen..

In Remote Teams kamen wir alle paar Wochen für ein paar Tage mit agilen Coaches zusammen.

Große Software braucht viele Ressourcen. Die sitzen eben nicht alle in der eigenen Stadt.Dabei müssen sie aber direkt mitarbeiten können. Der Fachkräftemangel hat dabei viel bewirkt. Auch weil viele Programmierer*innen, wie auch ich, diese Bedingungen kompromisslos eingefordert haben. Das unsere Arbeit sehr kreativ ist, wird dabei leider nicht gesehen. Ganz klar sieht man seine Arbeit für jede Zeile und jede Änderung protokolliert und geloggt auf Dashboards. Jede Stunde von uns wird erfasst und wertvoll abgerechnet. Diese Stunden holen sogar viele andere Stunden, die nicht erfasst werden raus. Das ist ein hoher Druck, den man auch auf sich selbst aufbaut. Auf der anderen Seite wissen gute Teams aber auch, was sie zu tun haben. Wir kommen mit Video-Meetings und allen dazu gehörigen Tools klar. Wir sind dafür qualifiziert und haben das gelernt. Das wird leider auch immer wieder bei der Diskussion vergessen. Man braucht eben deutlich mehr als einen Laptop und WLAN, damit man zu 100% remote Arbeiten kann. Einfacher wird das mit den vielen Tools nicht..

Wenn du nicht vor Ort bist, dann fehlen die echten Menschen und was sie ausmacht.

Software-Entwicklung ist Teamwork. Kunden zu überzeugen und weiter zu bringen, verlangt meiner Meinung nach schon in Sprints als Team gemeinsam mit dem Kunden agil zusammenzuarbeiten. Denn dann sieht man auch die Emotion und kann viel Leidenschaft entwickeln und wahrnehmen. Mal was Spaß haben. Und im Office gemeinsam in der Küche tanzen oder kochen. Das fehlt. Uns allen jetzt hier am meisten. Damals aber nur mir. Und ich merke nach einem halben Jahr, dass auf einmal Dinge auftraten, die ich sonst nur von Gerüchten kannte. Einsamkeit, die Tapete anstarren und eine echte Antriebslosigkeit. Als Gegenmaßnahme fing ich an, mich mit Bekannten in ihren Mittagspausen zu treffen. Und dann auch nicht mehr selber zu kochen. Auch mit dem klaren Ziel Arbeitsatmosphäre zu spüren. Es war mir sehr wichtig zu hören, dass andere auch arbeiten. Und das ist etwas was für mich auch ein Arbeitsumfeld ausmacht. Gemeinsam zu arbeiten und sich gegenseitig zu motivieren. Dafür sind Video-Calls emotional leider nicht ausreichend..

Home Office, wie geil ist das denn, ich liebe es undgehe nie wieder zurück.

Ein wenig amüsiert war ich über die freudigen Facebook-Posts Anfang 2020: “Kein Stau und schon alles geschafft ich liebe Homeoffice.” Ja, an diesen Moment kann ich mich selber sehr gut erinnern. Es war für mich eine ganz bewusste Entscheidung das zu tun. Aber das habe ich mir sehr lange und gut überlegt. Arbeiten wir doch alle nicht mit einem kleinen Display in Bali am Strand. Sondern echt hart von zu Hause. Ich denke mittlerweile haben auch die letzten gelernt, was es heißt, alleine von zu Hause liefern zu müssen. Und das der Job zu Hause einfach auch seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich bringt. Bei mir war es auf jeden Fall Einsamkeit und auch der fehlende fachliche Austausch eines echten Schulterblicks. “Hast du mal eben einen kurzen Blick?”ist einfach wichtig, wenn man sich mal in der Matrix verfahren hat. Oft liefert ja ein einfaches Drüber-reden schon eine Lösung. Aber auch fachlich bringt es mich auf jeden Fall weiter,einen einfacheren Austausch mit Kollegen zu haben, als es jetzt möglich ist. Wir teilen zwar gerne und auch oft unsere Bildschirme. Aber es ist doch immer eine kleine emotionale Barriere und auch ein höherer Aufwand. Ich kann mir persönlich vorstellen, dass es bei vielen Jobs noch wichtiger ist gemeinsam zu arbeiten. An für sich kommt man als Programmierer*in alleine schon ziemlich weit. Der Job verlangt es auch, gewisse Wege einmal alleine gegangen zu sein, um das fachliche Know-how in der richtigen Tiefe auch anwendenzu können. Die Probleme wird jeder mit dem plötzlichen Homeoffice haben. Nur krasser. Konnte ich mich doch über Jahre an die Situation herantasten und geplant und vorbereitetangehen..

Home Offices kosten auch richtig Geld.

Ich hatte schon immer einen eigenen Raum als kleines Büro für meine Arbeit. Ich kann es mir aber auch nicht vorstellen einen Tag ohne professionelles Programmierer-Monitor-Setup zu arbeiten. Schreibtisch und ein Interstuhl runden das Setup hier noch ab. Das ist alles perfekt. Tatsächlich ist es sogar vielen echt hochwertigen Arbeitsplätzen überlegen. Aber die haben in den letzten Jahren stark aufgeholt. Hier wird bei der IT nicht gespart. Wurde es auch nie. Nur am Stuhl. Der hatte sein 250,- Limit. Aber Steharbeitsplätze haben das schnell zunichte gemacht. Da bin ich echt neidisch drauf. In aktuelle und schicke Offices wurde echt viel investiert. Dockingstations sind der aktuelle Hit. Man setzt sich einfach zusammen, wie man es gerade braucht. Das gilt auch für externe Mitarbeiter.Eine tolle Idee. Zusammen und gemeinsam an etwas arbeiten ist toll, wichtig und wesentlich effizienter. Meetingräume fehlen auch total. Es passieren deutlich weniger Fehler,die durch Teamwork – also einem Vier- und Mehr-Augen-Prinzip – abgefangen werden.Know-How-Transfer und Innovation. Und es gibt wirklich tolle Büros, liebevoll für dieArbeit eingerichtet, wo man mit den Kollegen, wie in der Familie sein kann. Das ist ja auch eine gewisse Kultur. Die geht in Video-Calls komplett verloren. Aber wer denkt, man kann das jetzt alles einfach sparen, der setzt – glaube ich – aufs falsche Pferd. Denn Mitarbeiter brauchen ebenfalls eine gute und zuverlässige Hardware. Hier meine ich nicht nur die technische. Und auch den richtigen Platz dafür. Ich kenne auch einen Programmierer, der jetzt von zu Hause aus arbeitet und das aus dem Schlafzimmer tun muss. Wenn man Abends noch etwas quatscht, wird das Gespräch öfter mal durch die Freundin beendet. Seine Wohnung hat er nicht auf Homeoffice ausgelegt, sondern sich als Freelancer immer bei den Kunden direkt aufgehalten. Jetzt überlegt er ein Office zu mieten. Wer sich schon einmal mit den Preisen der CoworkingSpaces auseinandergesetzt hat, wird hier sehr überrascht sein. Hier bekommt man nicht soviel für Preise ab 250,- Euro. Aber wenn man keinen eigenen Raum als Büro zur Verfügung hat, dann ist das hier die einzige mögliche Perspektive. Ich persönlich halte bisher nicht viel von solchen Lösungen. Habe hier aber auch keine echten eigenen Erfahrungswerte.Arbeitgeber, die glauben mit Homeoffice-Lösungen bei Mitarbeitern Geld sparen zu können,liegen meiner Meinung nach falsch. Als Arbeitnehmer sollte man schon ein guten Arbeitsplatz bekommen. Und das ist sicher nicht der Küchentisch oder ein weiterer Schreibtisch im Kinderzimmer..

Es ist total gut, dass alle die Möglichkeiten wahrnehmen und nutzen, auch wenn sie unter nicht optimalen Bedingungen zu Hause arbeiten..

Und vor allem bleiben Corona ist eine ganz besondere Herausforderung. Und die wird es auch das ganze Jahr2021 lang noch bleiben. Darauf habe ich und wir unshier zumindest eingestellt. Es ist gut,dass viel dafür getan wird, die Arbeit von zu Hause aus zu ermöglichen. In meiner Berufswelt geht man auch davon aus, dass viel mehr Geschäftsmeetings weiterhin remote passieren werden. Auch wenn Corona vorbei ist. An die Vernunft der Menschheit glaube ich dagegen immer weniger. Kommerz, Konsum und die Reisefreiheit werden nach der aktuellen Zeit sicher noch viel stärker genutzt. Nachhaltigkeit und Umweltschutz sind sicher keine Ziele der Allgemeinheit. Tatsächlich denke ich auch intensiv über einen längeren interkontinentalen Urlaub nach. Es würde mich aber sehr freuen, wenn sich die Rushhour etwas entzerrt, Stau abnimmt und weniger gefahren werden muss. Die Entwicklung, die Corona vorantreibt, und auch die Art, wie gute Arbeitgeber und Teams mit der Krise umgehen, macht mir für die Zukunft echt Hoffnung. Natürlich trifft die Krise und ihre Auswirkungen ganz oft die falschen und schwächsten. Es ist alles echt unfair. Machen wir bitte gemeinsam das Beste draus und halten die Laune möglichst lange hoch. Alles andere ist schlimm. Freitags trinken wir ein Remote-Bierund spielen Skribble.in. Wer Lust hat kann sich gerne bei mir melden. .

Homeoffice löst kein Problem macht aber viele – Never Code Alone .

Never Code Alone habe ich vor vier Jahren nach einem Nervenzusammenbruch gegründet.Schlimme Arbeitgeber haben meine seelische Gesundheitschwer beschädigt. Ich hatte vielPech. Man hat oft die komplette Projektverantwortung auf mich übertragen und mir meine nötigen Rahmenbedingungen, vor allem Zeit und Hilfe,genommen. Ein anderes Thema.Schlechte und fehlende Unternehmenskultur, Preisdruckund -kampf, fehlender Respekt.Genug werden wissen, was ich meine. Arbeit ist halt Arbeit und kein Spaß. Ansichten aus einem vergangenen Jahrhundert sind immer noch manifest.Qualifizierte Leute werden ausgebeutet und der Nachwuchs nicht gefördert und aufgebaut. Nicht nachhaltig bei der Unternehmens- und Personalentwicklung zu sein, führtzu einem Kollaps. Ein Turnaround hier ist schwer, kostet viel Zeit, Kraft, Kommunikation und Geld. Ein wichtiger Schlüssel ist hier kompetent zusammenzuarbeiten. Das geht sicher auch remote. Aber das macht es auch schwerer. Ist aber vielleicht auch eine Chance. Gute Ideen werden gebraucht. Und die kann jeder haben und einbringen. Das wird dankbar angenommen. Aber Vollzeit im Homeoffice bringt auch viele individuelle Probleme und Herausforderungen mit sich. Einige habe ich schon erwähnt. Dem sollten sich alle bewusst sein und auch daran arbeiten, dass eigene Setup zu Hause immer weiter zu verbessern. Und auch seinen Alltag hier zuintegrieren. Wir können damit ein deutlich besseres Leben haben. Zieht durch, tauscht euch aus und glaubt an euch. Nicht vereinsamen und grübeln. .

Meine ganz persönlichen Nicht-So-Technischen Homeoffice-Tipps!

Mit sich und der Tapete klar kommen.

Vor einigen Jahren war ich Rahmen von dem Marketing für ein Live-Coding-Event mit der Programmiersprache Python bei der Python Usergroupin Düsseldorf. Wie bekamen alleine Aufgabe, die wir an unseren eigenen Rechner lösen sollten. Der Programmierer neben mir redete und fluchte immer wieder mit sich selber. Das hat mich jedes Mal unterbrochen,ich war schnell genervt und extrem gestresst und stark getriggert. Es stelle sich heraus,dass er als einziger in seiner Firma ein Einzelbüro bekommen hatte. Das hat mich persönlich sehr erschreckt. Ob mir das wohl auch so ergehen würde? Hatte nicht Tom Hanks in Cast Away eine Beziehung zum Volleyball ‘Wilson’aufgebaut? Schwer vorstellbar -und doch bist du im Homeoffice echt einsam. Das ist nicht zu unterschätzen. Die Eigenmotivation hier hoch halten zu können erfordert einiges an Selbstdisziplin, aber vor allem auch Spaß an der Arbeit. Wenn man seinen Jobaber nur so absitzt, dann wird es bei Remote-Arbeit, glaube ich, sehr schwer. Aber klar ist auch, dass man hier nicht jede Minute nur auf die Tasten drücken muss. Auch hier darf man sich Kaffee machen, aufs Klo gehen und oder einfach mal seine Gedanken außerhalb des Raumes sammeln. Ohne dafür direkt eine Pause zu drücken. Spaß ist auch hier wichtig. Und für die Bewegung muss man schon aktiv selber sorgen. Keine Treppen, keine Gänge zur Kaffeemaschine, Mittagspause und Spaziergänge. Da fehlt echt was. Die Sache mit den Kindern – Türe und Ansage helfen und das klappt ganz gut. Meine beiden Töchter sind 6 und 4 Jahre alt. Sie kennen die Situation des arbeitenden Vaters sehr gut. Sie kennen meine Arbeit und können beide Unit Tests ausführen. Bei meiner Arbeit ist meine Türe auf, zu oder sogar abgeschlossen.In der IT gibt es Ampeln, die außerhalb von Räumen Zustände anzeigen. Grün, gelb und rot. Leider wurde zu oft das rote Licht missbraucht und so ist man hier von wieder abgerückt. Aber bei uns zu Hause haben wir auch die drei Zustände. Und ich schließe mich nur ein, wenn es echt begründet ist. Also bei sehr wichtigen Meetings oder Live-Aufnahmen für meinen YouTube-Kanal. Ansonsten versuche ich die Türe möglichst oft offen zu haben.Die Kinder haben es längst begriffen. Sie kommen nur noch mit echten Gründen, wie Essen und Durst. Fast schon erwachsen. Ist das jetzt gut oder schlecht? Ich bin sehr froh so viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Dafürbin ich ins Homeoffice gegangen. Und ich würde es immer wieder tun. Das macht mir schonecht Bock, aber Corona soll bitte schnell wieder weg..


Über den Autor: Roland Golla ist freiberuflicher PHP Programmiereraus Duisburg. Mit Never Code Alone setzt er sich für bessere Arbeitsbedingungen in der IT, Open Source und Software Qualität ein. Wer gerne mehr von ihm lesen möchte dem empfehle ich seine Seite: https://blog.nevercodealone.de/.

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