Allgemein · Sternenmama - Tagebuch

Der letzte schwere Gang

3 Wochen ist es nun her, dass ich still und leise auf die Welt brachte. 9 Tage, dass ich dich auf dem Weg in dein Erdenbettchen begleitete. Die Welt hat sich seitdem weiter gedreht – jedoch nicht für mich.


Ich möchte alle Besucher meines Blogs darauf hinweisen, dass es sich hier um einen sehr emotionalen und persönlichen Bericht über die Beerdigung meines Sternenkindes Henry handelt.  Die Weiterverbreitung von Text und Fotos (auch in Auszügen) wird hiermit ausdrücklich untersagt.


Hätte mir Jemand gesagt, dass ich eines Tages mein geliebtes Kind in der Stadt begraben würde, in der mir einst das Leben geschenkt wurde, ich hätte ihn für verrückt gehalten. “So etwas passiert anderen Frauen, aber nicht mir” hätte ich sicherlich gedacht. So schnell wird man eines besseren belehrt.

henry design.png

Der schwerste Tag in meinem bisherigen Leben lag vor mir. Allein der Gedanke an dem was vor mir und deinem Papa liegen würde verursachte mir Schwindel und Übelkeit. Wir sollten Dich auf deinem Weg in dein Erdenbettchen begleiten.

Seit Tagen graute mir vor dem 20. November. Papa und ich hatten einige Tage zuvor ein wunderschönes Gesteck für dich ausgesucht. Weiße Blumen geschmückt mit einem blauen Band. Die Worte „In ewiger Liebe Mama & Papa“ haben sich unauslöschlich in meine Seele gebrannt. Als ich das Gesteck schließlich abholte weinte ich den ganzen Weg nach Hause zurück. In der Wohnung riss ich alle Fenster und Türen auf, weil ich das Gefühl hatte zu ersticken. Mit allem was ich tat, rückte die traurige Wahrheit ein Stück weiter in mein Bewusstsein.

Am liebsten wäre ich gar nicht aufgestanden an diesem Tag. Doch dann habe ich an dich gedacht, und daran das ich stark sein muss für Dich. Das erste Mal seit deiner Geburt schaffte ich es mich wieder halbwegs wie ein Mensch zu fühlen, nachdem ich mich sorgfältig zurecht gemacht hatte . Ich wollte nicht, dass du von oben auf mich herab schauen würdest und dich für deine Mama schämen müsstest.

brief

In den Brief , den ich an diesem Morgen an dich schrieb, packte ich deine geliehe Mütze, die ich 2 Tage lang unter meiner Wollmütze beim schlafen trug( denn deine war zu klein um sie aufzusetzen) und vier Fotos von Papa und mir. 4 Fotos aus dem Leben „vor dir“ , als meine Welt noch in Ordnung schien und nicht aus den Fugen geraten. Deine Geburt hat nicht nur mein Leben verändert, sondern auch mich als Menschen. Meine Zeitrechnung wird fortan immer untereilt sein in „das Leben vor Henry“ und „das Leben nach Henry“. Diese bittere und schmerzliche Erkenntnis traf mich einige Tage zuvor. Du hast dich nicht nur unauslöschlich in mein Herz geschlichen, sondern mein Leben für immer verändert, auch wenn ich nie in deine Augenblicken und niemals deinen Herzschlag spüren durfte.

Auch wenn der Weg zur Kirche nicht weit gewesen wäre, so war ich froh, dass wir mi t dem Auto fuhren. Meinen Beinen traute ich schon den ganzen Morgen nicht. Wenn mein Herz nicht schon in 1000 Stücke zersprungen wäre , spätestens als ich den kleinen weißen Kindersarg in der Kirche sah, wäre es passiert.

bberdigung

Vom Gottesdienst ist mir kaum etwas in Erinnerung geblieben. Seit fast 1 Jahr hatte ich kein Gotteshaus mehr betreten, seit dem Tag an dem unser erstes Kind, dein Geschwisterchen , uns verließ. Einzig das Leid, mit dem sich die kleine Kirche füllte, war körperlich für mich spürbar , ansonsten fühlte ich mich selber wie tot . Denn nicht nur wir beerdigten an diesem Tag unser totgeborenes Kind. Nach der Bestattung erfuhren wir, dass du mit 17 anderen Sternenkindern beigesetzt wurdest. 17 Sternenmamas und Sternenpapas deren Trauer ebenso unendlich gewesen sein musste , wie unsere. Ich wäre lieber alleine gewesen, denn das hätte bedeutet das 17 anderen Mamas Ihre Kinder noch hätten. Aber das Leben hat seine eigenen Pläne. Alles in allem ist es eine wunderschöne und würdevolle Zeremonie gewesen. Nun war ich mir sicher, dass es die richtige Entscheidung gewesen ist , dich mit anderen Sternenkindern zu bestatten. Schließlich bist du auch im Himmel nicht allein, sondern von den anderen Kindern umgeben, die ebenso auf den Tag warten, an dem sie endlich Mama und Papa empfangen dürfen.

Für den kleinen Kindersarg reichte 1 Sargträger aus. Behutsam und würdevoll wurdest du mit den anderen Sternenkindern zu Eurem Erdenbettchen getragen. Dein Papa und ich waren die ersten die Abschied nahmen. Ich packte den Brief an dich ins Grab und flüsterte leise „Danke, Henry“. Oma und Opa, Uroma und Tante nahmen Abschied von Dir. Am liebsten hätte ich mich neben den Sarg gelegt, doch unglücklicherweise war das ausgehobene Loch nicht groß genug dafür. Zum hinterherstürzen das Loch somit auch nicht tief genug. (Merkwürdige Gedankengänge begleiteten mich nicht das erste Mal seit dem du gegangen warst, daran war ich inzwischen gewöhnt). Sicherlich wird es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich gerne die Schwelle zwischen den Welten übertreten hätte. Tage wie diese wünscht man Niemanden.

Ich war froh und traurig zugleich, das dieser schreckliche Tag endlich hinter mir lag.

Ich bin stark gewesen an diesem Tag, nur für dich mein Schatz

Ich bin zuversichtlich in dem Glauben, dass du dich in einer bezaubernd schönen und friedlichen Welt befindest. Jede andere Vorstellung würde mich um den Verstand bringen,

Deine Mama

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Ein Kommentar zu „Der letzte schwere Gang

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