Sternenmama - Tagebuch

Die Geburt meines Sternenkindes

1 Woche ist es nun her, dass ich still und leise auf die Welt brachte. Die Welt hat sich seitdem weiter gedreht – jedoch nicht für mich.


Ich möchte alle Besucher meines Blogs darauf hinweisen, dass es sich hier um einen sehr emotionalen und persönlichen Bericht über die Geburt meines Sternenkindes Henry handelt, einen Bericht also über ein tot geborenes Kind. Ihr solltet Euch an dieser Stelle bewusst dafür oder dagegen entscheiden diesen Beitrag zu lesen oder eben nicht zu lesen. Die Weiterverbreitung (auch in Auszügen) wird hiermit ausdrücklich untersagt.


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Wie alles endete….

Mein letzter Urlaubstag in diesem Jahr brach an. Zu Beginn der Woche hatten wir noch deinen Kinderwagen für dich bestellt, und gestern in meiner Heimatstadt deine erste Jeans gekauft. Ich freute mich auf den nächsten Vorsorgetermin bei meiner Ärztin , der am 10.11. stattfinden sollte. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
Gegen Mitternacht bemerkte ich eine Blutung , eine leichte zwar nur, aber die ganzen letzten Wochen hatte ich genau Davor Angst gehabt. Meine schlimmste Befürchtung war eingetreten. Da meine Schwangerschaft bis dahin bilderbuchhaft verlaufen und ich auch in den Tagen davor nicht gestürzt oder gefallen war, ahnte ich nicht nur Schlimmes, sondern traf mich die Erkenntnis , dass mein persönlicher Albtraum wahr geworden war wie ein Blitz.

Wir (das heisst ich und deine Oma) fuhren sofort in die Klinik, wo ich am Empfang immer noch mit den Tränen kämpfte und kaum verständlich die Worte „Ich bin in der 19. Woche Schwanger und habe Blutungen“ über die Lippen brachte. Ich hoffte, dass man mich diesmal nicht wieder 1 1/2 Stunden warten lies wie im Dezember letzten Jahres als ichdein Geschwisterchen verlor.Und tatsächlich : kaum auf der Station angekommen kümmerte sich sofort ein junger Arzt um uns. Ich lag zitternd auf der Untersuchungsliege und konnte den Blick nicht vom Bildschirm abwenden. Ich hoffte so sehr dich wohlbehalten und gesund auf dem Monitor zu erkennen, aber schon beim ersten Blick darauf sah ich dich still und friedlich, ohne einen Herzschlag, ohne eine einzige Bewegung. Als ob du nur schlafen würdest. Mir jedoch war sofort klar , dass das schlimmste was mir passieren konnte eingetreten war. Der Arzt schallte minutenlang als ob er nicht glauben könnte was er dort sah. Tatsächlich fragte er mich dann auch ob ich in den letzten Tagen gestürzt wäre, oder irgendetwas außergewöhnliches passiert wäre. Als ich ihm sagte das vor knapp 3 Wochen bei der Vorsorgeunteruschung noch alles ok gewesen wäre schaute er mich traurig und fassungslos an . Du wärst seit ca. 3 wochen nicht mehr gewachsen, das konnte er anhand deiner Größe feststellen. Mein erster Gedanke war: „Das kann doch nicht sein“, eben weil vor 3 Wochen noch alles ok gewesen ist. Still und leise warst Du gegangen ohne das ich es gemerkt hatte.

Ich wurde auf die Gynäkologie gebracht. Gott sei Dank bekam ich ein Einzelzimmer am Ende des Ganges. Eine andere Frau – womöglich hochschwanger oder bereits glückliche Mutter hätte ich jetzt nicht ertragen. Bereits am nächsten Morgen sollte die Einleitung der Geburt stattfinden. Und ich musste Deinem Papa Bescheid geben , der von der Kathastrophe die längst über uns hereingebrochen war noch nichts ahnte. Schon bei unserem ersten Sternenkind ist er der starke Mann an meiner Seite gewesen, der für mich da war , als ich ihn am meisten brauchte und der mich schliesslich wieder zum lachen brachte. Unsere Liebe zueinander ist dadurch gewachsen und nicht wie so oft bei anderen Sterneneltern daran zerbrochen. Das auch ihm das Herz brach merkte ich an seiner Reaktion am Telefon. Und ich hatte das Gefühl versagt zu haben. Zum zweiten Mal hatte ich nicht gemerkt wie unser Kind sich davonstahl. Deine Oma, die mich ins Krankenhaus begleitet hatte, schickte ich nach Hause. Sie musste am Morgen deinem Opa die traurige Nachricht überbringen das du verstorben warst. Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu, Tränen weinte ich kaum, dafür stand ich viel zu sehr unter Schock.

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Der erste Morgen ohne Dich nahte. Der Himmel war blau und wolkenlos , wie ungerecht dachte ich noch. Die Oberärztin wollte noch mal mit dem Ultraschall auf dich schauen . Tatsächlich gab es manchmal kleine Wunder , wo bei einem zweiten Ultraschall plötzlich wieder ein Herzschlag zu sehen war. Das dieses Wunder für uns ausbleiben würde war jedoch von Anfang an klar, da ein fehlender Herzschlag und eine fehlende Entwicklung von 3 Wochen eindeutig waren. Lediglich das sich die Plazenta abgelöst hatte konnte sie feststellen. Ob dies die Ursache für dein Sterben oder die Folge davon gewesen ist konnte man nun allerdings nicht mehr sagen.

Während ich die ersten wehenfördernden Medikamente bekam hatte sich inwzischen auch Deine Tante auf dem Weg gemacht. Alle waren sie gekommen um dich willkommen zu heißen. 20 Wochen und 5 Tage zu früh.Gegen Abend merkte ich dann die ersten leichten Wehen. Mit dem Blick auf die Uhr bemerkte ich einen Abstand von 4 Minuten. Man hätte es glatt für ein fröhliches Familentreffen halten können, wenn man in das Krankhauszimmer hinein gekommen wäre. Deine Eltern, Großeltern und deine Tante versammelt, allerdings nicht um einen großen , reich gedeckten Tisch, sondern um Dich mein Schatz. Du hast die allerbesten Großeltern und die allerbeste Tante dieser Welt. Es ist so unsagbar traurig , dass Ihr Euch nie kennenlernen durftet.

Gegen halb 10 platze dann die Fruchtblase, was die Krankenschwestern zur Kenntnis nahmen und in wenigen Minuten nochmal vorbei schauen wollten. Tatsächlich musste ich dann noch mal auf Toilette, nichts ungewöhnliches bei einer schwangeren Frau , auch wenn ich mich auf dem besten Wege zu einem Dasein als unschwangere Frau befand. Ich dachte mir nichts dabei als ich auf Toilette ging, bis mir plötzlich eine große Menge Fruchtwasser und schließlich auch dein Köpfchen entgegen kam. Bis heute weiss ich nicht wie ich so ruhig bleiben konnte in Angesicht dieser Situation. Mit einer Hand hielt ich vorsichtig dein Köpfchen , mit der anderen Hand schlug ich auf den Alarmknopf ein. Solch eine geschockte Krankenschwester werde ich wohl nie wieder zu Gesicht bekommen. Als sie mich fragte ob ich dich noch halten könnte sagte ich ruhig und besonnen „Ja“ und dachte bei mir „Das hier ist mein KIND , ich werde es halten und wenn es das letzte ist was ich auf dieser gottverlassenen Welt tue“. Mit deiner überstürzten Ankunft hast du für ganz schön Aufsehen gesorgt. Wir wurden sofort in den Kreissaal gefahren wo eine Hebamme dich dann schliesslich in Empfang nahm. Sie bettete dich in ein kleines Weidenkörbchen (ich musste sofort an den kleinen Moses denken, auch wenn ich den Glauben an Gott zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben hatte), und deckte dich mit einer kleinen Stoffwindel zu. Während mir noch die anschließende OP bevor stand wurdest du für mich hübsch gemacht.

Erwartungsvoll und Ängstlich zugleich wartet ich nach der OP darauf dich endlich sehen zu dürfen. Noch immer fließen mir die Tränen über das Gesicht, wenn ich an deinen kleinen, zarten Körper denke. Dein Köpflein war etwas eingedrückt, aber dennoch warst du für mich das Schönste und perfekteste was ich je gesehen haben. Ein kleines Mützlein hattest du auf, das einzige Kleidungsstück was du je tragen solltest. Deine Oma und deine Tante hielten diesen Moment mit Bildern fest und auch die Hebamme machte die ersten und einzigen Fotos von dir. Deine Füßlein und Händchen waren so klein, das sie nur einen hauchzarten Abdruck hinterließen. Deine Äuglein waren noch geschlossen, so konnten wir uns nie in die Augen blicken. Nun war ich also eine Mama, 20 Wochen zu früh und mit einem gebrochenen Herzen. Und trotzdem so unheimlich stolz auf Dich.
Dein Papa blieb die ganze Nacht bei mir, ich konnte und wollte nicht alleine sein. Er war an meiner Seite als wir entscheiden mussten was mit deinem Kleinen Körper passieren sollte,als wir uns dazu entschieden weitere Untersuchungen machen zu lassen, um zumindest in medizinischer Hinsicht eine Antwort auf das Warum zu erhalten.

Am Nachmittag des 08.11. durfte ich dich ein letztes Mal sehen. Ich nahm Abschied für den Rest meiner Zeit auf Erden. Du hattest blaue Füßlein und Hände, von der Tinte mit der in der Nacht zuvor deine winzigen Abdrücke festgehalten wurden. Ich strich dir sanft über deine linke Wange . Am liebsten hätte ich mich neben Dich gelegt.
Auch heute 1 Woche nach deiner stillen Geburt denke ich jeden Tag daran zurück, wie es gewesen ist dich willkommen zu heißen obwohl du schon längst gegangen warst.

Ich vermisse dich jeden Tag

In ewiger Liebe,

Mama

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4 Kommentare zu „Die Geburt meines Sternenkindes

  1. Meine Liebe,
    ich habe deinen Bericht gelesen, voller Trauer aber auch vor Bewunderung! Du erlebst den schlimmsten Albtraum aller Schwangeren und scheinst dies mit großer Stärke durchzustehen! Für die kommende Zeit wünsche ich dir weiterhin viel Kraft!
    Liebe Grüße

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  2. Liebe Mary,ich habe keine worte ,nur emotionen und tränen,die ich mit euch teile.so stark in dieser Schweren Zeit hast du deinen kleinen Henry gehalten.ich bewundere dich von ganzen Herzen 💕 ich drück dich ganz fest und sende dir Engel zur unterstützung süsse.ich bin dir dankbar das du damit so umgehen kannst und ein Vorbild fur uns Mamas bist oder besser sternchenmamas bist .danke

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